Mittwoch, September 20, 2017

Roadtrip Baltikum#5: Tallinn

Nach entspannten Inseltagen stand jetzt wieder etwas Stadtprogramm auf dem Plan - 2 Tage Tallinn. Die Stadt beeindruckt mit einer sehr putzigen Innenstadt mit vielen kleinen Gassen, mittelalterlichen Häusern, hohen Türmen und intakter Stadtmauer. Erstmal einen Überblick verschaffen! In der Innenstadt findet man v.a. Restaurants (in Tallinn kann man richtig gut essen..) und Touriläden. Ein paar davon mit Kitsch, aber auch richtig viele mit wertigem Kunsthandwerk. Gestricktes, Leinen,  Produkte aus Filz und Wachholderholz - und immerhin alles made in Estonia.


Einen sehr schönen Laden für Strickwaren gibt es zum Beispiel in einem Keller in der Katharinengasse (incl. Strickbücher! Hier habe ich die Gelgenheit ergriffen und ein schönes Buch "Suur Kindaramaat" mit traditionellen estnischen Handschuhmustern mitgenommen - die ältesten (teilweise etwas zerfledderten) Handschuhe stammen aus dem 19. Jahrhundert! Sie werden gesammelt und in einem Museumsarchiv aufbewahrt. Sehr beeindruckend!) Auch ein Laden mit Holzwaren ist hier zu finden.





Für Türenliebhaber bietet Tallinn auch so Einiges.. hier ist mal nur ein sehr hübsches Exemplar.


Auch wenn es auf den Bildern gar nicht soo voll aussieht - es war voll. V.a. Ströme von Kreuzschiffgästen tummeln sich auf den wichtigesten Touristenrouten. D.h. aber auch - ab 17 Uhr wirds ruhiger..
Wie in Riga fanden wir auch hier das Aufeinandertreffen von nordischer und östlicher Kultur spannend - in Lettland war der russische Einfluss aber noch deutlich mehr zu merken. In der russisch-orthodoxen Kirche hier sammeln sich v.a. Touristen. In Riga war das noch ca. 50:50.




Es gibt so viel zu entdecken! Zum Beispiel diese kleine ukrainisch-griechisch-katholische Kirche der Gottesmutter mit den drei Händen - etwas versteckt hinter einer einfachen Holztüre in der Stadtmauer (Straße Laboratooriumi). Die Gottesmutter ist für alle zu Unrecht Verfolgten zuständig. So auch für die gefährdeten Tier- und Pflanzenarten, die wunderschön auf Holztafeln zu sehen sind.

Die Kirche ist wohl nur manchmal geöffnet - wir hatten Glück. Wer die Türe offen vorfindet, der sollte unbedingt einen Blick hinein werfen! Im Untergeschoss befindet sich allerlei mechanisches Hohlzspielzeug und diverse technische Zeichnungen - die Beschriftungen waren leider in keiner uns lesbaren Sprache, drum leider keine Infos über die Hintergründe.
Außerdem kann man in der Kirche die wunderschönen handgeschöpften Kalligrafie-Karten von labora dort erwerben. Oder man besucht gleich den wunderschönen Laden in der Altstadt selbst!



Wer erstmal genug von Mittelalter hat, der kann ja mal einen Blick hinter die Stadtmauer werfen - zum Beispiel in Richtung der Markthallen hinter dem Bahnhof. Als ich vor 10 Jahren hier war, standen hier noch Holzbaracken und das ganze hatte noch einen recht urigen Flair. Heute gibt es hier eine moderne Markthalle Balti Jaam mit vielen kleinen Ständen, im Inneren auch sehr viel Essen - wir kamen zwei Mal vorbei, einmal gab es eher urig gefüllte Brote und Auflauf aus dem kleinen ukrainischen Stand, einmal die Hipstervariante - gedämpfte, vietnamesisch inspirierte Brötchen (?), köstlich gefüllt mit gegrillter Aubergine, Wakame-Algen, Sushi-Ingwer und Sojasauce. Sososo gut!

Direkt dahinter gentrifiziert es gerade ganz kräftig - im Telliskivi Viertel entstehen in alten Fabrikhallen Büros, Cafés, kleine Läden, Street Food Meilen (wir könnten wirklich den ganzen Tag essen!) und noch mehr Cafés. Außerdem jede Menge Street Art!



Unser Spaziergang führte uns dann noch weiter Richtung Hafen - im Kalamaja Viertel kann man noch zahlreiche bunte Holzhäuser bewundern. Hier wurde gerade wahnsinnig viel gebaut und renoviert - teilweise auch wieder in Holz.
Wenn man etwas Zeit hat (oder es gerade zu regnen beginnt...) lohnt sich ein Besuch des Marine-Museums Lennusadam / Seaplane Harbour. Im architektonisch sehr interessanten Wasserflugzeughangar hängt u.a. die Lembit - das einzig verbliebene estnische U-Boot aus dem 2. Weltkrieg. Bis 1990 war es im Wasser, man kann in das U-Boot hinein und das sehr beengte Leben nur so erahnen.. Wir fanden die 14 Euro Eintritt/Person jedenfalls lohnenswert!



Gegessen haben wir natürlich auch (und das sehr gut - nur hatte ich abends die große Kamera nicht mehr mit dabei).

Leib
Etwas unscheinbar hinter einem schmiedeeisernen Gartentor befindet sich erst ein kleiner Park.. und dann das Leib. Berühmt für sein selbstgebackenes Brot und die Qualität des Essens. Wir hatten Glück und ergatterten an unserem Ankunftsabend (Samstag!) noch einen Tisch ohne Reservierung. Wahninnig aufmerksamer Service, der hervorragend Englisch spricht (wie fast überall in Tallinn!), kleine Karte mit viel Wert auf lokale Spezialitäten, außerdem schon vorgeschlagene Pairings Craf-Beer + Hauptgericht. Ein bisschen laut ist es, weil im Raum noch eine laaange Tafel voller junger Frauen sitzt, aber wir genießen den Abend und v.a. das Essen sehr. Für mich das vielleicht Beste der ganzen Reise: Rinderfilet mit Pfifferlingen und knusprigem Grünkohl, danach eine wunderbare Creme Brûlée mit Roggenbrotbröselboden. Ca. 130 Euro für 4 Personen (4 Hauptgänge, davon zwei mit Craft Beer Pairing, 4 Desserts, Wasser, Espresso)
Leib Restoran, Uus 31

Pegasus
Hier sind wir eher zufällig tagsüber vorbeigeschlendert und brauchten noch ein Lokal für abends - Internet lobte, Speisekarte sah nicht verkehrt aus, also haben wir für abends reserviert. Das Restaurant über mehrere Ebenen in einem Haus im Stil der 60er orientert sich auch innen an der Einrichtung - in sehr stylish. Wir sitzen am großen Fenster und blicken auf die Straße unter uns. Das (wie hier immer vorneweg) gereichte Brot (mit Kürbiskernen und Hanfsamen) ist schon mal wahnsinnig gut. Ich esse geröstete Aubergine und Zucchini mit Tomaten-Aiioli, Rucola, Pesto und Ziegenkäseschaum, auch die anderen sind von ihren Essen begeistert. Dazu gibts eine sehr nette Kellnerin. Sehr gemütlicher Abend!
Pegasus, Harju 1

V
Das sehr gelobte, kleine vegane Restaurant in der Altstadt ist nicht mehr wirklich Geheimtipp - wir haben allerdings am Sonntag für Montag Abend noch einen Tisch reservieren können. Aber so ganz ohne Reservierung wirds vermutlich schwierig..
Auch hier - schöne Karte, für meinen Geschmack könnte noch einen Ticken weniger mit Tofuprodukten gearbeitet werden. Aber die Vorspeise - Rote Bete Ravioli mit Cashew Creme (eher Creme zwischen hauchzarter, rohen Roten Beten) war grandios! Ich hatte danach Zucchini-Nudeln mit Quinoa, gegrillter Avocado, Tofu und Pestosauce (fein! V.a. diese ganzen gegrillten Avocadohälften...) und anschließend einen Mandelcupcake, der mich nicht 100% überzeugen konnte - was aber vielleicht wirklich an veganem Backwerk an sich liegt. Alles in allem aber: sehr feine Sache und eine willkommene Abwechslung zum Fleischigen
V, Rataskaevu 12

Geschlafen haben wir im Old House Hostel - ruhig am Rande der Altstadt gelegen. Hübsch eingerichtete Zimmer, der Rest ist ein teilweise.. ääh.. interessanter Mix (Sofas mit Löwenfüßen..). Das buchbare Frühstück im Gemeinschaftsraum kann man eher sein lassen und einen Tag gabs kein heißes Wasser. Dafür können Parkplätze gebucht werden (Parken im Bereich Altstadt ist sonst wahnsinnig teuer, beim Telliskivi Zentrum gibt es aber günstige Tagestickets!). Insgesamt: Günstig (ca. 25 Euro p.Person/Nacht im Doppelzimmer), gute Lage, für uns vollkommen ok. Der gleiche Anbieter hat auch Appartments in der Altstadt - evtl. auch eine interessante Option.

Mittwoch, September 13, 2017

Roadtrip Baltikum #4: Entspannen auf Saaremaa

Nach vielen Kilometern durch Riga und erlebnisreichen Tagen im Moor war als nächstes etwas Entspannungszeit eingeplant - auf gehts nach Saaremaa! Die Größte der westestnischen Inseln (und viertgrößte Ostseeinsel insgesamt) erreicht man bequem per Fähre von Virtsu nach Kuivastu (auf Muhu, der kleinen Insel vor Saaremaa) - von dort gehts über den Damm nach Saaremaa.


Ich empfehle dringend einen Zwischenstopp in Liiva auf Muhu (ganz bald hinter der Fähre), um schonmal das beste Brot Estlands bei der Muhu Pagarid einzukaufen. Nebenan gibt es auch einen schönen Laden mit Kunsthandwerk und wer schon arg Hunger hat: den Foodtruck Muhurito - der, schwer zu erraten - ganz feine Burritos und Hipstergetränke verkauft.


Die Insel böte einiges - von Steilklippen über Meteoritenkratern bis zu Wanderwegen zu schiefen Leuchttürmen und Robbenbeobachtungstouren.. doch an unserem wunderbaren Ferienhaus (via AirBnB) angekommen genossen wir einfach den Meerblick, den großen Garten und die schöne Atmosphäre. Wellen rauschen, das Nachbarhaus (in guter Entfernung steht leer). Um uns herum nur Wald und Meer. Entspannung pur..






Auch toll: Endlich können wir mal wirklich selber kochen! In Kuressaare, der Inselhauptstadt gibt es größere Supermärkte, aber wir haben Glück und in etwa 10 km Entfernung zu unserem Haus  (in Salme) gibt es auch einen kleinen Supermarkt, der alle nötigen Dinge hat. Wir entdecken am Haus einen Schaschlickgrill, also gibts Schaschlik, wie unsere Freunde es bei ihrer Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn vergangenes Jahr kennengelernt haben. Dazu Gemüsespieße, Pizzabrotspieße und als Nachtisch wird noch die Wassermelone aufgespießt. Sehr zu empfehlen, übrigens!




Supermarktfund: Soo leckeres geröstete/getrocknete Brotscheiben. Hervorragend z.B. mit rote Bete Hummus..

Einen Ausflug nach Kuressaare haben wir dann aber doch mal gemacht - wichtigste Sehenswürdigkeit ist die Bischofsburg, die Ausstellung im Inneren haben wir jedoch nicht besucht - unsere Aufmerksamkeit wurde vollkommen vom Markttreiben in Beschlag genommen, das hinter der Burg am Meer stattfand.


Flohmarkt mit allerlei Schätzen, interessantes Essbares - wie diese geflochtenen Räucherkäsezöpfe (Saaremaa ist bekannt für seine Molkereiprodukte, der Old Saare-Käse am Stück (gibts in alt und mittelalt in grün und schwarzer Verpackung) ist auch wirklich sehr zu empfehlen, wenn man sich nicht nur von Scheibenkäse ernähren möchte..). Der Räucherkäse erinnerte an Scamorza, nur mit mehr Raucharoma.


Danach Einkehrstopp im vom Lonely Planet über den Klee gelobten Café Retro. Auf der schönen Terasse gibts allerlei lokales Getränk: Hausgemachte Rote-Beeren-Limo, Kvass von der lokalen Craft-Beer-Brauerei Pöide (das Roggenbier "Rukkiõlu" ist sehr zu empfehlen) und estnischer Gin Tonic.


Auch das Essen lässt sich sehen - Hütenkäse / Roggenbrotbrösel / Pickled und rohes Gemüse (ganz toll: der eingelegte Rhabarber!) / Warmer, geräucherter Hering / Spitzwegerich-Mayo


Der Rest aß Burger und war zufrieden - ich hatte noch Platz für ein Stück Käsekuchen mit Beeren und der war absolut fantastisch! Sehr viel Wert wird auf lokale Produkte gelegt - wir fandens gut und stimmig, preislich eher höher.

Abstecher ans Meer gabs natürlich auch! Zwischen Kuressaare und Salme gibt es schöne Strände und immer wieder Parkplätze an der Straße. Dann gehts kurz durch Kiefernwald und da ist auch schon das Meer.. je nach Abschnitt ist es steinig bis sandig (und meistens sehr, sehr flach). Der Strandabschnitt heißt Mändjala Rand und wird im Norden vom Mändjala Campingplatz begrenzt. Beim Campingplatz gibt es auch etwas Infrastruktur: einen Kiosk, eine Strandbar und Hängematten zwischen Bäumen.. sehr nett! Wer es gern einsamer hat, der steuert einen der etwas südlicheren Parkplätze an. Überlaufen wars aber nun wirklich nicht (wir waren zwei Mal dort).



Ebenfalls empfehlenswert: Ein Abstecher zum südlichsten Punkt der Insel, der Halbinsel Sõrve mit markantem Leuchtturm (dieser hier stammt aus den 50ern, es gibt hier aber schon lange Türme). Während des zweiten Weltkriegs war die Halbinsel böse umkämpft, ein paar Bunkeranlagen zeugen noch davon.. ansonsten kann man einmal zum aller-allersüdlichsten Punkt von Saaremaa waten. Von hier sind es gerade mal 25 Kilometer zum Kap Kolka in Lettland.



Auf dem Rückweg haben wir dann auch noch an einer weiteren Sehenswürdigkeit der Insel Halt gemacht - dem Windmühlenberg von Angla. Auf der Insel gab es früher sehr, sehr viele Windmühlen (auf unserem Nachbargrundstück stand auch noch eine), hier hat man 5 Originale wieder aufgebaut - die klassische, wie die holländische Variante. Gegen Eintritt (3,50 Euro p. Person) kann man die Windmühlen besichtigen und lernt ein bisschen was übers Müllern. Man muss nur den Punkt zwischen zwei Reisebussen abpassen. Pflicht würd ichs jetzt trotzdem nicht nennen.


Und dann bringt uns die Fähre auch wieder aufs Festland..  Betrieben werden die Fähren von Praamid - auf der Homepage gibt es detaillierte Fahrpläne und auch die Möglichkeit, Fähren im Vorraus zu buchen. Wir sind lieber spontan gefahren, das war auch kein Problem - evtl. bietet es sich aber an, falls man zu Stoßzeiten (Freitag abend / Sonntag nachmittag) faren möchte. Die Überfahrt für 4 Leute und ein Auto kostete 20 Euro.

Weiter gehts mit Tallinn..